Die »Bruderschaft Deutschland« in Düsseldorf

In den letzten Jahren nehmen in Düsseldorf die Aktivitäten unterschiedlicher extrem rechter bzw. neonazistischer Gruppierungen und Aktuer*innen deutlich zu. Nicht nur die ingesamt 21 Demonstrationen von „DÜGIDA“ oder mehrere Kundgebungen der „REPs“ oder „Die Rechte“ sondern auch die Demonstrationen der Kleinsgruppierung „Patrioten NRW“ führten so einer teilweise breiten antifaschistsichen Mobilisierung. Inbesondere die Angriffe auf Gegendemonstrant*innen vom 17. November 2018 haben jedoch deutlich gemacht, dass der antifaschistsischer Selbstschutz und die Interventionen gegen neonazistische Strukturen in Düsseldorf notwendig bleiben.

Eine Form der Intervention haben wir gemeinsam mit dem „Bündnis 09.02.“ und vielen Unterstützer*innen am 09. Februar in Eller ganz praktisch umgesetzt. Über 1000 Menschen folgten dem Aufruf zur antifaschistischen Demonstration. Im Fokus stand dabei die sog. „Bruderschaft Deutschland“. Zwei der Mitglieder waren an dem Angriff vom 17. November beteiligt: Ralf Nieland und Miguel Arce-Luarca.

Das Redaktionskolletiv „Düsseldorf Rechtsaußen“ hat über die „Bruderschaft Deutschland“ einen Hintergundartikel verfasst, welchen wir hier nochmals zitieren wollen:

»D: Die ‚Bruderschaft Deutschland‘

DÜSSELDORF: Mit der „Bruderschaft Deutschland“ (BD) ist im Düsseldorfer Süden eine extrem rechte Gruppierung aktiv, die als „Spaziergänge“ oder „Streifzüge“ deklarierte Patrouillen durchführt und sich dabei als als eine Art „Schutztruppe“ für angeblich durch – insbesondere migrantische – Gewalt bedrohte Deutsche betrachtet.

Die aus rechten Hooligans, Neonazis, Türstehern und Rockern bestehende „Bruderschaft Deutschland“, die sich offenbar im Sommer 2016 gründete und anfangs noch Wert auf die Erwähnung ihrer Garather Herkunft legte, tritt als clubähnliche Gruppierung auf, die vom Style und Habitus an die Rocker-Szene anknüpft: angefangen beim Design ihrer Gruppen-T-Shirts über die hierarchische Unterscheidung zwischen „Vollmitgliedern“, „Anwärtern“ und „Unterstützern“ bis zu propagierten Werten wie „Loyalität“ und „Kameradschaft“. Auch die Bezeichnung „Bruderschaft“ entstammt ursprünglich der Rocker-Szene, sie ist aber bereits in den 1980er Jahren von der extremen Rechten adaptiert worden, beispielsweise vom elitären Netzwerk der neonazistischen „Hammerskins“, die sich als internationale „Skinhead-Bruderschaft“ verstehen. Die „Hammerskins“ waren auch Vorreiter für die Adaption des Rocker-Outfits, das inzwischen von diversen Gruppierungen innerhalb der extremen Rechten verwendet wird.

Eindeutige NS-Bezüge und rassistische Glaubensbekenntnisse

An die NS-Szene richtet sich auch das erste T-Shirt-Motiv der BD: ein Reichsadler, der in seinen Krallen einen Blätterkranz mit der Zahl 18 hält, ergänzt durch den Slogan „Treue, Blut & Ehre“. Neben der verbotenen Losung der „Hitler-Jugend“ („Blut und Ehre“) enthält auch die Verwendung der Zahl 18 bzw. des ersten und achten Buchstaben im Alphabet eine NS-verherrlichende Botschaft, da „18“ innerhalb der neonazistischen Rechten ein Code für Adolf Hitler ist. Ein Detail, das der neonazistische Skinhead Kai Kratochvil, der als einer der Gründer der BD und Anführer der Neonazi-Szene in Garath gilt, bewusst ausgewählt haben dürfte, schließlich trägt er den Slogan „Treue Blut & Ehre“ auch als Tätowierung auf seiner Wange. Der 42-Jährige war in die Herstellung und Verbreitung der T-Shirts involviert. Er trug ein solches auch in der Öffentlichkeit, beispielsweise am 11. Mai 2017 bei einer REP-Kundgebung anlässlich eines Auftrittes von Angela Merkel im Düsseldorfer Ständehaus. Letztendlich führte die öffentliche Präsentation des T-Shirts zu Hausdurchsuchungen und zu einem Strafprozess gegen Kratochvil, den BD-Mitbegründer Eric Olf und einen weiteren BD-Aktivisten wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Die BD ersetzte daraufhin die Parole „Treue, Blut & Ehre“ durch „Deutschland ewig treu“, aus der Zahl 18 wurde eine 14. Damit wurde auf einen weiteren in der extremen Rechten weit verbreiteten Code zurückgegriffen, nämlich auf die „14 words“, einem rassistischen Glaubensbekenntnis: „We must secure the existence of our people and a future for white children“ („Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für unsere weißen Kinder sichern“).

Ralf Nieland

Die Razzien und das Strafverfahren behinderten aber nicht den weiteren Ausbau der „Bruderschaft Deutschland“, die sich zunehmend auf andere Stadtteile und ins Düsseldorfer Umland ausdehnte und fortan auf Hinweise auf ihre Garather Herkunft verzichtete. Nicht unwesentlich am Ausbau beteiligt war Ralf Nieland aus Düsseldorf-Eller. Der 48-Jährige stammt wie ein Großteil der aktuellen BD-Mitglieder aus der rechten Hooligan-Szene von Fortuna Düsseldorf und kann als Beispiel dafür angeführt werden, wie sich rechte Hooligans durch den Einfluss der „Hooligans gegen Salafisten“-Bewegung (HoGeSa) politisch radikalisiert haben. Bundesweit gelangte die Bewegung in die Schlagzeilen, nachdem am 25. Oktober 2014 bei einer HoGeSa- Demonstration in Köln um die 5.000 rechte Hooligans und Neonazis aufmarschiert waren und sich eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert hatten. In der Folgezeit begann Nieland als Administrator der inzwischen aufgelösten Facebook-Gruppe „Düsseldorfer Hooligans gegen Antifa und 1312“ erste Ambitionen als Führungsperson zu entwickeln. Unter den über 340 Mitgliedern der Facebook-Gruppe befanden sich mehrere Personen, die heute in der BD aktiv sind. Neben der virtuellen Vernetzung von rechten Hooligans und Sympathisant*innen beteiligte sich Nieland ab 2015 auch vermehrt an Aufmärschen der extremen Rechten, beispielsweise am 14. März 2015 an einer von PEGIDA NRW in Wuppertal organisierten Kundgebung gegen eine Veranstaltung der Salafisten-Szene. Zur geplanten anschließenden Demonstration kam es nicht, da die Versammlung aufgrund von randalierenden Hooligans und der daraufhin folgenden polizeilichen Intervention vorzeitig vom Veranstalter abgebrochen werden musste. Seitdem hat Ralf Nieland an diversen Veranstaltungen der extremen Rechten teilgenommen, unter anderem an der „Gemeinsam stark“-Demonstration am 8. Oktober 2016 in Dortmund. Am 14. April 2018 lief er – u.a. zusammen mit den BD-Mitgliedern Kai Kratochvil, Richard Lange (Eller), Steffan Reinhartz (Solingen) und Klaus Wille (Garath) – auf dem „Europa erwache!“-Aufmarsch der neonazistischen Partei „Die Rechte“ in Dortmund mit.

Kontakte und Vernetzung

In der Antwort der Landesregierung NRW vom 18. Januar 2019 auf eine „kleine Anfrage“ von Landtagsabgeordneten von „Bündnis 90/Die Grünen“ heißt es, „dass die aus dem subkulturellen Rechtsextremismus stammenden Mitglieder der ‚Bruderschaft Deutschland‘ über persönliche Kennverhältnisse in der Szene verfügen“ würden. Der Begriff „Kennverhältnis“ mag bei der Partei „Die Rechte“ gegebenenfalls zutreffen, bei der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ gehen die Kontakte aber weit über ein „Kennverhältnis“ hinaus. So nahm beispielsweise Steffan Reinhartz am 22. September 2018 in Parteikleidung am „Tag der Heimattreue“ des „Der III. Weg“ in Olpe teil. Es steht zu vermuten, dass er Parteimitglied ist. Auch an kleineren Propaganda-Aktionen des „Der III. Weg“ im Großraum Düsseldorf war Reinhartz 2018 beteiligt. An einzelnen Versammlungen und „Streifzügen“ der BD nahmen neben ihm auch noch mindestens zwei weitere „Der III. Weg“-Aktivisten teil, unter ihnen Sascha Vasic aus Eller.
Enge Kontakte unterhält die BD zudem zum Verein „Mönchengladbach steht auf e.V.“ um den ehemaligen „stellvertretenden Regionalleiter-West“ von HoGeSa und „pro NRW“-Vizeparteivorsitzenden Dominik Roeseler und zur „First Class Crew“ in Essen, die auch als „Steeler Jungs“, „Huttroper Jungs“ und „Borbecker Jungs“ auftritt. Die aus RWE-Hooligans und Rockern bestehende Gruppierung, die sich seit knapp eineinhalb Jahren als „Bürgerwehr“ zu inszenieren versucht und dazu jeden Donnerstagabend mit bis zu 100 Personen durch Essen-Steele „spaziert“, wird von der BD als ihr Vorbild bezeichnet. Im Jahr 2018 nahm die BD an mehreren „Spaziergängen“ in Essen teil, bevor am 7. Dezember 2018 die „Steeler Jungs“ und die „Huttroper Jungs“ die BD in Düsseldorf besuchten, um sich gemeinsam in der Altstadt zu präsentieren. Insgesamt kam man auf etwa 70 Personen. 2019 wurden die gegenseitigen Besuche fortgesetzt.
Der intensive Kontakt zwischen der BD und der „First Class Crew“ dürfte auf die Vernetzung und Fortführung von Strukturen der HoGeSa-Bewegung zurückzuführen sein, die bei der Mobilisierung rechter Hooligans für die extreme Rechte noch immer eine Rolle spielen, obwohl sowohl HoGeSa als auch der spätere HoGeSa-Ableger „Gemeinsam stark“ seit Jahren nicht mehr aktiv sind. Die gute Vernetzung zeigte sich beispielsweise am 20. September 2018 in Mönchengladbach, als am Tag nach dem Suizid des „HoGeSa“-Mitbegründers und Gründers von „Gemeinsam stark“ Marcel Kuschela („Captain Flubber“) etwa 350 rechte Hooligans und Sympathisant*innen an einem von Roeseler anberaumten „Trauermarsch“ teilnahmen. Optisch dominiert wurde dieser aufgrund ihrer Gruppen-T-Shirts von der „First Class Crew“ und der von Kai Kratochvil und Ralf Nieland angeführten und mit deutlich über zehn Mitgliedern angereisten BD, die damit die zahlenmäßig größten erkennbaren Gruppierungen waren.

„Sport frei“

Auch bei den Übergriffen auf Gegendemonstrant*innen am Rande der von den „Patrioten NRW“ am 17. November 2018 unter dem Motto „Migrationspakt stoppen“ organisierten Demonstration in Düsseldorf spielte die mit etwa 30 Mann erschienene BD eine dominante Rolle. Nachdem zuvor Parolen wie „Schlagt sie tot!“ die Stimmung angeheizt hatten, griff ein größerer Pulk von rechten Hools – insbesondere aus den Reihen der BD, des „Begleitschutzes Köln“ und aus der Mönchengladbacher Reisegruppe um Roeseler – gezielt Gegendemonstrant*innen an. Ralf Nieland und Miguel Arce-Luarca aus Düsseldorf verletzten dabei zwei Gegendemonstranten durch Faustschläge im Gesicht und am Hals. Beide wurden von der Polizei vorübergehend festgenommen. „War mir eine Genugtuung. Mann kann sich nicht alles gefallen lassen…“, kommentierte Ralf Nieland am Tag nach dem Aufmarsch seinen Angriff bei Facebook. Aus seiner „Bruderschaft“ folgte dann auch sogleich die Zusage von Unterstützung: Man werde für „die Strafe vom Ralf zusammen schmeißen“. Deutlich aus den Kommentaren von BD-Mitgliedern bei Facebook wurde auch, dass der Angriff geplant war. So drückte dort beispielsweise der als Wachmann und Türsteher tätige Klaus Wille – auf dem dazugehörigen Foto mit Sturmhaube und Teleskopschlagstock ausgerüstet – bereits am Vorabend seine Vorfreude aus: „Freu auf morgen – Sport frei“. Eben jener Klaus Wille, der noch Anfang 2016 als Wachmann in einer Geflüchtetenunterkunft in Neuss arbeitete.

Generation 35+

In der bereits erwähnten Antwort der Landesregierung NRW auf eine „kleine Anfrage“ von Landtagsabgeordneten von „Bündnis 90/Die Grünen“ heißt es, dass „mehr als 50 Personen konkret als Angehörige der ‚Bruderschaft Deutschland‘ zugeordnet“ werden könnten. Diese Zahl dürfte nur die Vollmitglieder umfassen, hinzu kommen Mitgliedsanwärter, Unterstützer und Sympathisant*innen. In der Antwort auf die Anfrage heißt es weiter: „Der Altersdurchschnitt der ausschließlich männlichen Mitglieder liegt bei rund 35 Jahren.“ Neonazistische „Bruderschaften“ würden, so schrieb das „Antifaschistische Infoblatt“ im sehr empfehlenswerten Schwerpunkt seiner Ausgabe 110 (Frühjahr 2016), „von der Generation 35+ dominiert […] Das Identitätsmodell, mit dem viele Neonazis der Generation 35+ in den 1990er und den frühen 2000er Jahren sozialisiert wurden, ist der Männerbund, der eine soziale und politische Einheit darstellt. Dieser verlangt Loyali­tät und lässt wenig Fluktuation und Widersprüche zu. In den ‚Aktionsgruppen‘ und popkulturell anmutenden Cliquen, die heute das Bild der Neonazis prägen, spiegelt sich dies alles nicht wieder. Die Lebens­welt der Rockerszene liegt den ‚Alten‘ näher und da dort bereits Kameraden unterkamen, sind die Wege kurz. Die Bruderschaft bietet eine Plattform, auf der sich ihre Mitglieder als männlich, hart und kompromisslos präsentieren.“

Ausblick

So männlich, hart und kompromisslos sich die BD auch präsentiert, so sorgt sie sich doch um ihr Image, wie mehrere ihrer Stellungsnahmen zeigen – die letzte vom 30. Januar 2019, veröffentlicht als Text und zusätzlich als Videobotschaft. Bezug wurde auf einen kritischen TV-Bericht über die BD des WDR vom 22. Januar 2019 genommen. Einmal mehr heißt es in der neuesten Stellungnahme, dass man „jede Form von Extremismus kategorisch“ ablehne. Man verstehe sich als „Bürger aus der Mitte der Gesellschaft“, die „zusammen gefunden“ hätten, um zu verhindern, dass Menschen Gewalt angetan werde und um Opfern von Gewalt zu helfen. Schlussendlich stilisiert sich die BD sogar zum Opfer und beklagt, dass sie so behandelt werde, „wie im Nationalsozialismus jüdische Mitbürger behandelt wurden“. Schließlich habe ein Düsseldorfer Lokalpolitiker Gastwirte dazu aufgerufen, der BD „kein Gastrecht zu gewähren“.
Aktuell könnte also der Eindruck entstehen, dass die „Bruderschaft Deutschland“ angesichts des seit dem 17. November 2018 größer werdenden gesellschaftlichen Druckes zurückrudert. Man gibt sich unpolitisch und ausschließlich dem Wohl vermeintlich wehrloser (biodeutscher) Mitbürger und insbesondere Mitbürgerinnen verpflichtet. Als am 2. Februar 2019 erneut die „Patrioten NRW“ in Düsseldorf demonstrierten – dieses Mal gegen „Gewalt auf unseren Straßen“ – blieb die BD der letztendlich nur etwa 130-köpfigen Veranstaltung ebenso fern, wie ihre „Brüder“ aus Essen und anderen Städten. Gleichzeitig setzt die BD ihre „Spaziergänge“ fort, allerdings außerhalb von Eller, vernetzt sich zunehmend mit vergleichbaren Gruppierungen und der organisierten Neonazi-Szene, pflegt ihre Kontakte in die Rocker-Szene, schlägt zu, wo sich hierfür Gelegenheit ergibt und vergrößert sich zunehmend. Es wäre also ein großer Fehler, wenn sich Antifaschist*innen nach ihrer Demonstration unter dem Motto „Kein Platz für rechte Schläger in Düsseldorf-Eller und überall! Gemeinsam auf die Straße gegen Rassismus und Neonazis!“ am 9. Februar 2019 in Eller wieder zurücklehnen und die braunen „Brüder“ nicht sehr genau im Auge behalten würden.«